Die Geschichte von unten schreiben!

100 Jahre Russische Revolution, 40 Jahre Morde in Stammheim: 

Warum beschäftigen wir uns mit Geschichte? Schon seit der Errichtung der Pariser Kommune 1871 wurde eine Fülle von praktischen Erfahrungen sozialer Revolutionen und im Aufbau einer befreiten Gesellschaftsordnung gesammelt.

Heute nach vielen Erfolgen, Niederlagen und eigenen Fehlern muss es darum gehen, auch in den kapitalistischen Zentren wie der BRD den Faden wieder aufzunehmen und von neuem eine revolutionäre Perspektive zu entwickeln. Das ist ohne eine Beschäftigung mit den bisherigen Erfahrungen kaum möglich. Ein Bezug zur revolutionären Geschichte ist dabei nicht gleichbedeutend mit nostalgischen und kritiklosen Schwärmereien, sie bringt aber auch nichts als Verwirrung mit sich, wenn sie sich auf reine Kritik beschränkt.

In diesem Herbst gibt es eine Reihe von Jahrestagen, die entweder weltweite Bedeutung hatten oder die prägend für die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland waren: 100 Jahre Oktoberrevolution in Russland und 40 Jahre Todesnacht in Stuttgart Stammheim.

Eine Broschüre und Veranstaltungsreihe der Revolutionären Aktion Stuttgart

Broschüre „Geschichte von unten schreiben“ als PDF

 

Einleitung der Broschüre:

Die Geschichte der Gesellschaften ist kein Museumsraum, in dem Ausstellungsstücke der Vergangenheit präsentiert werden, sie ist niemals neutral und endet nicht mit einem abgeschlossenen Rundgang. Wer heute die Deutung der Vergangenheit beherrscht, richtet damit zugleich die Grundpfeiler für die Entwicklungen der Zukunft aus. In diesem Jahr, dem „Geschichtsjahr 2017“, spielt der Blick in die Vergangenheit eine besondere Rolle. Das gilt für diejenigen, die sie in Medien, Schulen und Unis präsentieren, ebenso wie für uns, die antreten, um eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft voranzutreiben: Vor genau 100 Jahren stürzte die Oktoberrevolution das russische Zarenhaus und brach mit der gesamten kapitalistischen Ordnung, um eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, vor 40 Jahren starben die RevolutionärInnen Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Andreas Baader in der Stammheimer JVA. Zusammen mit anderen Ereignissen, wie etwa den Morden an Benno Ohnesorg und Che Guevara vor genau 50 Jahren, laufen diese bedeutenden Momente Gefahr, von den Mühlen des bürgerlichen Antikommunismus zu düsteren Kriminalgeschichten zermahlen zu werden.

„Moderne Geschichtsarbeit“ zur Oktoberrevolution liest sich zum Beispiel so: „Ihr totalitärer Anspruch mobilisierte rund um den Globus Millionen und entwickelte sich zum Albtraum für Abermillionen[…]“.1 Der Austritt des revolutionären Russlands aus einem der grausamsten Kriege der Menschheitsgeschichte und die Errichtung einer umfassenden Rätedemokratie scheinen in dieser reißerischen Ankündigung einer staatlich finanzierten Ausstellung zur Sowjetunion nicht erwähnenswert zu sein. In ähnlichem Ton werden ehemalige RAF-AktivistInnen in der bürgerlichen Presse regelmäßig zu gewissenlosen MörderInnen gemacht. Unter dem Titel „Sie schweigen über ihre Taten – wie ihre Väter“2 werden sie in einem exemplarischen Beitrag der Tagesschau aus dem Jahr 2012 mit den Nazis gleichgesetzt, weil sie den Gerichten und der Polizei auch nach jahrelangen Haftstrafen nicht bei der Verfolgung von ehemaligen AktivistInnen behilflich waren. Auch hier: Kein Wort über die Hintergründe von militanten Aktionen, über weltweite Befreiungskämpfe in den Jahrzehnten des bewaffneten Kampfes in Europa und über eine BRD-Gesellschaft, in der damals noch immer Kontinuitäten des deutschen Faschismus fortlebten, die bis heute nie eine konsequente Aufarbeitung der faschistischen Herrschaft erlebt hat.

Die russische Revolution und der bewaffnete Kampf in Deutschland und Europa von den 60er bis in die 80er Jahre sind nicht nur zu bedeutungsvoll und folgenreich für die weltweite Entwicklung linker Bewegungen, um sie sensationslüsternen JournalistInnen und den intellektuellen PredigerInnen der kapitalistischen Ausbeutung zu überlassen – sie sind Teil unserer Geschichte. Der Geschichte derjenigen, die der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ein Ende setzen wollen. Einer Geschichte, die wir selbst schreiben müssen, aus der wir zu lernen haben, die uns Verantwortung und ein reichhaltiges Erbe überträgt.

Wir möchten die runden Jahrestage 2017 nutzen, um aus revolutionärer Perspektive einen Teil zur Auseinandersetzung mit der Oktoberrevolution und dem Kampf der Roten Armee Fraktion beizutragen. Uns ist bewusst, dass eine erfolgreiche sozialistische Revolution auf der einen und der bewaffnete Kampf einer Minderheit im Herzen des Imperialismus auf der anderen Seite nicht einfach nebeneinander gestellt werden können. Aus beiden Erfahrungen müssen auf ganz verschiedenen Ebenen Lehren gezogen werden. Mit dieser Veröffentlichung möchten wir dennoch beide Themenfelder anschneiden, um uns die reichhaltige Bedeutung vergangener revolutionärer Versuche vor Augen zu halten. Friedrich Engels hat einmal geschrieben „Sind wir einmal geschlagen, so haben wir nichts anderes zu tun, als wieder von vorn anzufangen!“. In diesem Sinne verstehen wir uns in der Tradition vieler hoffnungsvoller revolutionärer Neuanfänge, die heute unser unabdingbares Gepäck im Kampf für eine kommunistische Gesellschaft sind.

1Deutsches Historisches Museum, Berlin: Zitiert wird hier aus dem Ankündigungstext (2017) für die Wanderausstellung „Der Kommunismus in seinem Zeitalter“, gefördert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

2Tagesschau-Interview: RAF-Kenner Stefan Aust zum Prozessausgang. „Sie schweigen über ihre Taten – wie ihre Väter“(Stand: 03.12.2015), zu finden unter http://www.tagesschau.de/inland/becker174.html